Buchtips

A Walk Along The River II

Der mit Spannung erwartete zweite Band von A Walk Along The River verweist im Untertitel auf die einmalige Qualität der beiden Bücher von Dr. Yu Guo-Yun:

„Transmitting a medical Lineage through Case Records and Discussions“.

Es gibt sonst im Westen keine Bücher über Chinesische Medizin, in denen Fallbeispiele unter erfahrenen Ärzten auf hohem Niveau und durchaus kontrovers diskutiert werden. Woher das kommt, wird in der Einleitung zu Band II deutlich, in der Dr. Yu seinen Weg zur Chinesischen Medizin schildert:

Eigentlich ein Student der politischen Ökonomie, wurde sein Interesse für Chinesische Medizin geweckt, als er während der Kulturrevolution einen Arzt unterstützte, der wegen „feudalem Aberglauben“ angeklagt war. Mit kaum vorstellbarem Einsatz erarbeitete er sich darauf in schwierigen Zeiten sein Wissen und seine praktische Kompetenz und lernte später Jiang Er-Xun kennen, dessen Schüler und Nachfolger er wurde.

Für Dr. Jiang entwarf er einen Lehrplan für postgraduierte Studenten, der schon vorsah, dass Falldiskussionen mit dem Lehrer dann durchgeführt werden, wenn die Studenten untereinander nach sorgfältiger Prüfung nicht weiter kommen. Er bezieht sich dabei auf eine 1964 von Mao Ze-Dong initiierte Bildungsreform.

Dr. Yu betont, dass sein Studium der politischen Ökonomie und insbesondere des „Kapital“ (Karl Marx) ihn mit den Grundlagen in Geisteswissenschaft, Philosophie, und Naturwissenschaft versah, die für ihn der Schlüssel waren, den Schatz der Chinesischen Medizin zu bergen.

Nach dem Selbststudium aller Lehrbücher in den 1960er Jahren stieß Dr. Yu auf die Werke von Zhang Xi-Chun, die er mit großem Enthusiasmus verinnerlichte, er spricht von Zhang Xi-Chun‘s „wegweisenden Licht“. Wie auch in „A Walk Along The River II“ zu sehen ist, nimmt Dr. Yu häufig Rezepte von Zhang Xi-Chun, ist aber keinen falls darauf beschränkt. Auf die Frage von Studenten, wie man am besten Chinesische Medizin studiert, antwortet er: „Man sollte eine Gedankenschule vollständig meistern, mit einigen Schulen sehr vertraut sein, und ein grundsätzliches Verständnis von vielen Schulen haben“.

Zhang Xi-Chun (1860-1933) war mit der bekannteste Vertreter des „zhōng xī huì tōng xué pài“ 中西會通學派 einer Strömung in der Chinesischen Medizin, die Einflüsse und Werkzeuge der Schulmedizin mit dem Ansatz aufgenommen hat, sie in die vorhandene Praxis zu integrieren um zu einem tieferen Verständnis und zu besseren klinischen Erfolgen zu gelangen[1] . Xué pài heißt Strömung / Gedankenschule, zhōng xī heißt China und der Westen, huì heißt Versammlung, treffen, begegnen und tōng heißt durchgängig, verbinden, Kommunikation, in der Tiefe erfassen/verstehen.

Man könnte Dr. Yu’s klinische Praxis ebenso wie seine Lehrtätigkeit als eine zeitgemäße Variante des „zhōng xī huì tōng xué pài“ bezeichnen. Ein leuchtendes Beispiel für eine Begegnung von „Ost“ und „West“ auf Augenhöhe und mit dem Ziel, die Praxis und die Lehre der chinesischen Medizin zu fördern.

Der zweite Band von A Walk Along The River belegt das mit Fallbeispielen aus den Bereichen Gynäkologie, Pädiatrie, HNO sowie Pathologien von Qi, Blut und Flüssigkeiten. Die Qualität der Fallbesprechungen wie der Übersetzung ist ebenso außergewöhnlich wie beim ersten Band.

Oft geht es darum, dass Herangehensweisen aus den Lehrbüchern in einem konkreten Fall oder allgemein nicht gut funktionieren, und Dr. Yu stellt Behandlungsstrategien vor, die er oder schon sein Lehrer in vielen Fällen erfolgreich angewandt haben. Ein Beispiel:

Eine Frau mit viel dicklich gelbem, faulig riechendem Ausfluss im Zusammenhang mit einer chronischer Unterleibsentzündung nach einer Ausschabung. Standardbehandlungen mit „Long dan xie gan tang“ plus „Si miao san“ sowie „Yi huang tang“ plus „Si miao san“ waren ineffektiv.

Dr. Yu beginnt mit „Bai tou weng tang“ (ein Rezept für Dysenterie!) plus „Wu wei xiao du yin“ (ein Rezept für Hitze-Gift). Als das keine Besserung erbringt, wechselt er zu „Bai tou weng tang“ plus „Yi yi fu zi bai jiang san“ (ein Rezept für eiternde intestinale Abszesse!). Dazu gibt er Huang qi  sowie eine Kombination von Zhang Xi-Chun für Hitze-Gift mit Stagnation: Ya dan zi plus San qi.

In der Diskussion erklärt Dr. Yu dann, dass er bei behandlungsresistenten Fällen von Feuchte-Hitze Ausfluss immer Blutstase und/oder Hitze-Gift in Betracht zieht. Wenn er das dann entsprechend behandelt, gibt er zu dem Rezept zusätzlich Fu zi und Gui zhi sowie hohe Dosen von Huang qi um die Bewegung zu fördern und Verknotungen aufzulösen.

Beim Lesen von A Walk Along The River II  bestätigt sich, was Steve Clavey zum ersten Band gesagt hat: Auf jeder Seite lernt man etwas Neues.

 Sh. Volker Scheid, Currents of Tradition in Chinese Medicine, Eastland Press 2007, S. 203ff

[PDF] Rezension zu Band 1 - A Walk Along The River (ca. 596 KB)